Die
RHEINPFALZ, 24.12.2007
„Da haben sogar die Polizisten geheult"
OBERNHEIM-KIRCHENARNBACH:
54 verwahrloste Hunde auf einem ehemaligen Bauernhof gefunden - Unglaubliche
Zustände
Von unserer Mitarbeiterin Martina Benkel
54 verwahrloste und abgemagerte Hunde wurden
am Wochenende auf einem ehemaligen Bauernhof in
Obernheim-Kirchenarnbach von Tierschützern entdeckt und befreit. Nachdem die
Hunde tierärztlich
untersucht worden waren, wurden sie in Tierheimen in benachbarten
untergebracht.
Wesentlich lauter also sonst tönt das Gebell
rund um das Tierheim in Pirmasens. Ein großer Laster steht
in der Einfahrt zu dem Gelände. Vor dem Zimmer des Tierarztes wartet ein
Mann mit einem völlig
abgemagerten Hund an der Leine. Kaum ist der Mann im Tierarztzimmer
verschwunden, kommt auch schon
der nächste Patient. Hektisch laufen Mitarbeiter des Tierheims zwischen
Zwingern hin und her, bringen Hunde
zum Veterinär und wieder zurück.
Im Büro geht es nicht ruhiger zu. Christel
Wilhelm, die Vorsitzende des Pirmasenser Tierschutzvereins,
telefoniert, Erwin Doro tippt nervös in die Tasten des Computers. Beide
suchen Hilfe bei Tierheimen in der
Region und Menschen, die eine Pflegestelle für Hunde anbieten. Etliche
hilfsbereite Tierfreunde stehen bereits
vor ihren Schreibtischen. Sie haben im Radio erfahren, dass der
Tierschutzverein Pirmasens am
Freitagnachmittag und am Samstagmorgen 54 Hunde aus einem alten Bauernhof in
Obernheim-Kirchenarnbach gerettet hat. Was die Tierschützer dort erlebt
haben, hat sie fassungslos gemacht.
„So etwas habe ich in den elf Jahren, in denen ich hier mitarbeite, noch
nicht gesehen", sagt eine junge Frau.
Welpen nagten an schwachem Hund
In das Visier der Tierschützer geriet eine
Mitarbeiterin des Vereins „Arche - Verein für Tiere in Not" in
Obernheim-Kirchenarnbach schon vor Wochen. Ein ehemaliger Mitstreiter jener
Frau hatte Wilhelm auf
katastrophale Verhältnisse dort aufmerksam gemacht. Am Freitagmorgen
schritten die Tierschützer aus
Pirmasens dann zur Tat. Um Beweise zu sammeln, schickten sie einen
Mitarbeiter dorthin, der einen Welpen
für 250 Euro kaufte. Mit dem Kaufvertrag hatte Wilhelm nun den Beweis, dass
es sich um einen
angeblichen Tierschutzverein handelt. Mit allen zur Verfügung stehenden
Mitarbeitern und der Polizei rückte
Christel Wilhelm dann am Freitagmittag in Obernheim-Kirchenarnbach an. Was
sie dort sah, treibt ihr auch
einen Tag später noch die Tränen in die Augen. „In jedem Stockwerk, hinter
jedem Verschlag haben Hunde
gebellt." Der extra angemietete Lastwagen war den ganzen Tag und die Nacht
unterwegs. Für einen Hund
kam die Rettung aber zu spät. Er starb noch am selben Abend.
Mehr Glück hatte ein kleiner Welpe. „Er lag
schon in einer Tüte im Müll", berichtet Christel Wilhelm von
dem Grauen. Andere Hunde hätten bereits angefangen, an ihm zu nagen. „Der
Kleine lebte aber noch
und wir haben ihn unter Rotlicht gelegt." Mit dem angebotenen Wasser konnte
der Kleine jedoch nichts
anfangen: „Die Tiere wussten gar nicht, was das ist." Über Nacht blieb der
völlig ausgetrocknete Welpe
dann bei Wilhelm im Büro, bis er alleine anfing zu trinken.
Verletzt, krank und unterernährt sind alle
Hunde, die dort befreit wurden. „Manche haben keine Augen mehr,
viele haben Wunden und regelrechte Löcher im Leib. Da haben sogar die Männer
von der Polizei da gestanden
und geheult."
Benachbarte Tierheime helfen
Da das Tierheim in Pirmasens nicht so viele
Hunde auf einmal aufnehmen kann, bat Wilhelm die
benachbarten Tierheime um Hilfe. „Da zeigte sich, wie gut die Zusammenarbeit
klappt. Kaiserslautern hat sich
sofort bereit erklärt, neun Hunde zu übernehmen, in Zweibrücken konnte man
sogar 15 Vierbeiner
unterbringen." Lob hat Wilhelm aber auch für ihre Mitarbeiter. „Sie haben
die ganze Nacht und den ganzen
Tag geholfen."
Geschockt war Wilhelm über eine Aussage der
Kriminalpolizei. Die hatte ihr bestätigt, dass bereits im August
eine Anzeige gegen die Frau aus Obernheim-Kirchenarnbach vorlag. „Die wurde
auch an das
zuständige Kreisveterinäramt weitergegeben. Passiert ist aber mal wieder gar
nichts", stellt Wilhelm wütend
fest. Nun liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft und Wilhelm vermutet,
dass er nicht der letzte sein wird.
„Arche" arbeitet versteckt und hat überall Stützpunkte. Da versucht der Kopf
des Vereins viel Geld unter
dem Deckmantel des Tierschutzes zu machen", hat ihr Kollege Erwin Doro
mittlerweile in Erfahrung gebracht.
Und: „Der Verein bekommt wahrscheinlich jede Menge Spenden."
Spenden, die auch das Tierheim Pirmasens jetzt dringend braucht. Das
Tierheim ist am Ende der Kapazität,
viele Hunde mussten die ersten Stunden noch in Containern verbringen. „Da
kann man nur sagen:
„Frohe Weihnachten", meint Wilhelm und klingt zum ersten Mal etwas
resigniert.
Info: Spendenkonto für den
Tierschutzverein Pirmasens bei der
Commerzbank Pirmasens, Konto 2921088,
Bankleitzahl 542 40032.
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