ABBIE
Wer kämpft kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon
verloren!
(Bert Brecht)
Es ist Nachmittag als mich ein Anruf von Frau Hopmeier aus
dem mit uns seit Jahren freundschaftlich
verbundenen Tierheim Pirmasens erreicht.
Schon oft haben wir im Laufe der vergangenen
Jahre miteinander telefoniert doch noch nie hat sich ihre Stimme
so verzweifelt angehört. Es schien, als müsse sie all ihre Beherrschung
aufbringen um nicht in Tränen auszubrechen.
Es ging um eine winzig kleine Hündin die von Amtswegen beschlagnahmt worden
war.
Ihr ganzes bisheriges Leben wurde dieses kleine Wesen unter erbärmlichsten
Umständen gehalten:
Eine kleine Hundetransportbox war zwei Jahre
lang ihr Zuhause.
Offenbar diente sie den Kindern als lebendiges Spielzeug und wurde von
diesen, ganz nach Lust und Laune aus der "Spielkiste" geholt oder wieder
"reingestopft"
Die Hündin war bei Ankunft im Tierheim weder in der Lage selbständig zu
essen oder trinken.
Stellte man sie an einen Platz, blieb sie dort wie leblos stehen, ohne sich
auch nur ein wenig zu bewegen. Das gleiche Verhalten zeigte sie, setzte oder
legte man sie ins Körbchen.
Die Augen ausdruckslos ins Leere blickend, das Köpfchen zum Boden geneigt
schien es, als befände sie sich in einer Art Trancezustand. Einzig ihr Atem
verriet, das überhaupt noch Leben in ihr wohnte.
Zwar fand sich erst einmal eine Familie, die die Kleine bei sich aufnahm,
doch leider konnte sie dort nicht bleiben, weil der bereits vorhandene Hund
auf einen epileptischen Anfall der kleinen Hündin aggressiv reagierte.
Ein Tierheimaufenthalt hätte für diese Hündin aber eine kaum vorstellbare
Belastung bedeutet.
Denn was sie nun brauchte war intensive Pflege und Betreuung.
Und so zog sie noch am gleichen Abend des 29.07.2007 bei uns ein.
Als ich sie das erste Mal sah,
fühlte ich
mich unendlich schuldig an dem, was ihr angetan wurde und ich nicht
hatte verhindern können..
Warum gelingt es mir nur so selten, die
Herzen der Menschen zu erreichen, was ist geschehen mit ihnen, das sie so
kalt, unbarmherzig und blind ihren Mitgeschöpfen gegenüber werden ließ.
Warum vernichten sie so verbissen das Gute und geben dem Bösen mehr und mehr
das Zepter in die Hand……
Und so nahm ich denn Abbie fest in meine Arme um ihr das Versprechen
zu geben, das ich nicht zulassen werde, das ihr je wieder ein Leid
geschieht.
Ich
gab ihr den Kosenamen "Dornröschen", denn, eingeschlossen in einer uns
nicht zugängigen Welt musste sie nun ganz langsam und sacht wieder
aufgeweckt werden.
Da sie, als sie zu uns kam, bereits wieder selbständig Nahrung aufnehmen
konnte, sollte sie nun erst einmal
lernen, auch selbständig zu trinken. Nach einigen erfolglosen Versuchen
fanden wir dann heraus: das Getränk muss warm und weiß sein.
So bekam sie also erst einmal warmes Wasser mit einem Schuss Milch.
Setzten wir sie auf die Wiese, begann sie eine Art Kreis abzulaufen, gerade
so, als sei sie noch In ihrer Box gefangen.
Wieder und wieder nahmen wir sie aus diesem imaginären Kreis heraus und
setzten sie an einer anderen
Stelle wieder ab.
Schien sie unsere Berührungen anfangs mehr störend als angenehm zu
empfinden, streichelten wir sie
dennoch immer wieder kurz
um ihr zu zeigen, das alles in Ordnung ist und auch bleibt.
Sprachen wir sie an oder näherten uns ihr, hatten wir das Gefühl, nicht
wirklich wahrgenommen zu werden.
Die Tage vergingen und wie ein liebevoll gepflegtes
Pflänzchen
schien sie
jeden Tag ein kleines Stückchen
mehr aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen….
Die kleinen Ohren begannen sich aufmerksam zu bewegen, als wollten sie ein
Geräusch ergründen….
Die Augen begannen klarer und interessierter dreinzublicken, das kleine
Köpfchen ließ sie nicht mehr ganz so
oft herunter hängen, das Ablaufen eines imaginären Kreises wurde seltener
und der „unendlich“ große Garten Schritt für Schritt erkundet.
Der kleine Körper begann sich nun bei Berührung der liebkosenden Hand
entgegen zu schmiegen und es
wurden gar schon erste, noch ganz zarte Spielversuche erprobt.
Ein kleines Pflänzlein, das ganz mühsam aus
der dunklen Erde seinen Weg ans Licht sich bahnt
dann Tag für Tag ein kleines Stück gewachsen, einst seine wunderschöne Blüte
zu entfalten um sich in voller Pracht der Sonne zugewandt zu zeigen.
Wir glaubten fest daran,
das sich nun alles zum Guten wenden würde.
Nur all zu gerne nimmt man das Glück wie selbstverständlich hin, und so
erschüttert es dann unser ganzes Sein, wenn wir es ganz plötzlich und
unerwartet wieder verlieren.
Es war der
07.08.2007 als ohne Vorwarnung, aus heiterem Himmel Abbie`s kleiner Körper
zu beben beginnt. Ihr Blick, angstvoll, fragend, nicht begreifend, was da
gerade mit ihr geschieht, trifft uns wie ein Faustschlag.
Ein
erneuerter epileptischer Anfall hatte von Abbie`s kleinem Körper Besitz
ergriffen.
Die Tatsache, nichts weiter für sie tun zu können als sie in ihrem Anfall so
ruhig wie möglich zu halten, sie
spüren zu lassen, nicht alleine zu sein, lässt die eigene Machtlosigkeit
eines solchen Augenblicks unerträglich erscheinen.
Ist auch
unsere Zuversicht ein stückweit der Sorge um Abbie gewichen geben wir die
Hoffnung noch nicht auf, ihr vielleicht doch noch ein glückliches Leben
ermöglichen zu können.
Um
herauszufinden, was unsere kleine Abbie plagt fahren wir mit ihr am
09.08.2007 in die Tierklinik.
Eine durchgeführte Computertomographie bringt dann die
entscheidungsträchtige Diagnose zu Tage:
HYDROCEPHALUS (Wasserkopf)
Eine
Behandlung dieser Erkrankung gibt es nicht, einzig die Möglichkeit im Rahmen
einer Gehirnoperation eine Drainage einzusetzen, um den Druck im Gehirn zu
mindern.
Trotz allem bliebe die Prognose, selbst wenn sie diese Operation überstehen
würde, äußerst schlecht und ihre Lebensqualität auf ein Minimum beschränkt.
Den einzigen Liebesdienst, den wir ihr noch erweisen können ist, sie
schmerzlos und für immer einschlafen zu lassen ……..
Doch
auch, wenn wir den Kampf um ihr kleines schwaches Leben verloren haben…….
hat sich dann nicht jede einzelne Minute, in der wir ihr ein klein wenig
Liebe und Geborgenheit schenken durften gelohnt ?
war nicht jeder einzelnen Euro, der für ihre Untersuchung und Versorgung
aufgebracht werden musste, sinnvoll eingesetzt ?
und ist dieses kleine Wesen nicht auch jede einzelne Träne wert, die wir nun
um sie weinen ?
Wie oft schon pochte es leise, klopfte sacht,
und Du hast zornig aufgemacht.
und fragtest rau "was willst Du hier ?"
und leise sprach`s: „ich will zu Dir !"
"Zu mir ? -"so wend den Schuh,
ich kann Dich nicht brauchen, wer bist denn Du ?"
Da ging es und sah traurig zurück
und sagte leise: "Ich war das Glück!!!!!!!!!“